Historisches zur Heimbach-Weiser FassenachtBei vielen großen Ereignissen der Geschichte liegen die Anfänge meistens im mythologischen Dunkel. Dies gilt auch für die Heimbach-Weiser Fassenacht. Wann die ersten Fassenachtsgecken durchs Dorf zogen, lässt sich leider nicht mehr ermitteln. Doch einige Anhaltspunkte lassen vermuten, dass dies schon in grauer Vorzeit passiert sein muss. Sicher ist jedenfalls, dass in unserer Region im Jahre 1583 einige Fastnachtsgecken erheblich über die Stränge schlugen und vom Erzbischof und Kurfürst Johann in die Schranken gewiesen wurden:
~Nachdem in unserm Erzstift dieser Missbrauch eingerissen, dass zu Anfang der Fasten und auf den Aschermittwoch ein unziemliches Leben mit Zechen, Saufen, Mummereien, Schwärmen, Tanzen, Tollen und anderem üppigen Wesen getrieben wird, sollte fortan am Aschermittwoch Ruhe einkehren. Ob damit auch Heimbach-Weiser gemeint waren, ist nicht bekannt. Fest steht auf jeden Fall, dass im Bistum Trier das Fastnachtfeiern an sich vom Erzbischof ausdrücklich erlaubt wurde. Nur am Aschermittwoch musste Schluss sein!
Sicher ist auch, dass es in Heimbach im Jahre 1626 einen Fastnachtsdienstag gab. Und zwar am 24. Februar. An diesem Tag zertrümmerten nämlich zwei Kompanien nassauischer Soldaten die Inneneinrichtung des Heimbacher Pfarrers Peter Roscius. Er war darüber so aufgebracht, dass er dies in seiner Pfarrchronik festhielt. Allerdings erwähnte er keine durchs Dorf ziehenden Gecken, aus welchem Grund auch immer. Der erste sichere Beleg dafür, dass hier Fastnacht gefeiert wurde, stammt aus der Zeit um 1638. Bis zu diesem Jahr gab es im Kloster Rommersdorf am Fastnachtssonntag so genannte "Recreationen". Mit anderen Worten, Fastnacht war für die Mönche in Rommersdorf ein Feiertag mit einem üppigen Mahl vor dem Beginn der Fastenzeit.
Bis zum nächsten Anhaltspunkt vergehen 200 Jahre. Unter der Überschrift ,,Fassenacht 1827" lädt die Carnevalsgesellschaft Heimbach-Weis zur ersten Sitzung in die Gastwirtschaft von Anton Bemb. Dieser zweiseitige Liederzettel ist das älteste Dokument, das Rückschlüsse über die Anfänge der KG zulässt. Es ist der einzige noch vorhandene Beleg. Aus der Zeit um 1827 sind in den Archiven, mit Ausnahme der Pfarrchroniken, keine Unterlagen mehr vorhanden. Vieles wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Deshalb ist es ein besonderer Glücksfall, dass sich dieser allmählich in seine Einzelteile auflösende Liederzettel bis heute als wichtiges Dokument erhalten hat. Allerdings stammt das gute Stück nicht, wie irrtümlicherweise angenommen, aus dem Jahr 1827, sondern aus den 1870er Jahren. Denn die Gastwirtschaft von Anton Bemb wurde 1874 zum ersten Mal erwähnt. Auch die Verszeile: "Es braust ein Ruf wie Donnerhall / Herbei! Herbei! zum Carneval!" (Die Wacht am Rhein) ist ein Hinweis auf die Entstehungszeit nach 1870. Es ist möglich, dass dieser Liederzettel 1877, anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Karnevalsgesellschaft entstand.
Seit 1823 sind im Rheinland, ausgehend vom Vorbild Köln, in mehreren Orten Karnevalsgesellschaften entstanden: z. B. 1824 in Koblenz, 1825 in Düsseldorf und 1826 in Bonn. Dazu gehört auch Heimbach und Weis, deren Bewohner für ihren "lebhaften Charakter" bekannt waren. Schon früher unterschied sich der Ort von anderen Dörfern am Rhein. Obwohl das Kirchspiel keine Stadtrechte besaß, nahmen seine Bewohner wie selbstverständlich das Recht der Befestigung und freien Marktausübung wahr. Heimbach war quasi ein freies Reichsdorf, ein "Kirchspiel ohne Herren," und besaß jahrhundertelang seine eigene Gerichtsbarkeit. Die eingesetzten Bürgermeister richteten über "Hals, Leib, Bauch und Gut".
So ist es auch kein Wunder, dass die unabhängigen und selbstbewussten Heimbacher und Weiser, die sich schon seit Jahrhunderten selbst organisierten, auch früh eine Carnevalsgesellschaft bildeten. Bei diesen ersten Carnevalsgesellschaften handelte es sich nicht um Vereine im heutigen Sinn, sondern um einen Zusammenschluss Gleichgesinnter zwecks (feuchtfröhlicher) Vorbereitung und Durchführung des Karnevalszuges. Nach Aschermittwoch löste sich die Gruppe auf, um sich im kommenden Jahr erneut zu bilden.
Doch zu ihrem Unglück stand die Fassenacht damals unter keinem guten Stern. Denn seit zwölf Jahren regierten die Preußen am Rhein. Dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. waren diese »Carnevalslustbarkeiten" im Rheinland so zuwider, dass er sie im November 1827 kurzerhand verbot. Im März 1828 musste seine Majestät dieses Verbot allerdings wiederholen, die widerspenstigen Rheinländer schienen sich nicht sehr daran gehalten zu haben. Zwei Jahre später sah sich die Königliche Regierung in Koblenz veranlasst, das Verbot noch einmal nachdrücklich in Erinnerung zu rufen, und zwar im Amtsblatt vom 15. Februar 1830:
Wie Seine Majestät durch allerhöchste Kabinetsorder vom 20. März 1828 zu befehlen geruht hätten, daß Fastnachts-Masqueraden nur in denjenigen größern Städten erlaubt sein sollen, wo sie von Alters her herkömmlich statt gefunden haben; ... Wir sehen uns veranlasst, diese allerhöchste Bestimmung in Erinnerung zu bringen, um so mehr, als an einigen Orten die irrige Meinung entstanden ist, als seien kleinere Städte von dieser Bestimmung ausgenommen, da doch im Gegenteil in kleineren Städten und auf dem Lande gar keine, und in größern Städten nur dann öffentliche Masqueraden geduldet werden sollen, wenn sie von Alters her herkömmlich daselbst statt gefunden haben.
Spätestens im Februar 1830 ließ sich dieses Verbot nicht mehr länger ignorieren; nur die großen Städte Köln, Düsseldorf und Koblenz durften weiterhin Fastnachtszüge und Sitzungen abhalten, für alle anderen Orte war erst einmal Schluss mit lustig. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten war es vermutlich auch in Heimbach und Weis an den Fassenachtstagen eher ruhig. Nachdem sich das Misstrauen der Preußen gegen die Rheinländer allmählich gelegt hatte und Normalität einkehrte, kamen die Fastnachtsgecken wieder aus ihren Häusern. Auch in Heimbach und Weis erwachte die Carnevalsgesellschaft zu neuem Leben. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts scheint das Vereinsleben fest etabliert gewesen zu sein. Schriftliche Dokumente sind seit 1880 vorhanden. Es müssen aber auch schon früher Unterlagen existiert haben, beispielsweise sind die seit 1850 obligatorischen Vereinsstatuten, ohne die es keine behördliche Erlaubnis gab, nicht mehr da.
1883
bestand die Carnevalsgesellschaft Weis aus 63 Mitgliedern. Bis zum Jahr 1901 wuchs die Mitgliederzahl der ,,Fastnachts-Gesellschaft Heimbach" auf 144 Mitglieder. Dies zeugt von einer stark ausgeprägten Karnevalstradition und der festen Verwurzelung der Fassenacht im Dorfleben. Wie man anhand der polizeilichen Genehmigungen von 1883 - 1887 sehen kann, ging der jedes Jahr stattfindende Zug entweder von Weis nach Heimbach und zurück oder von Heimbach nach Weis und zurück. Nur zweimal gab es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg keinen Zug. 1902 verbot ein ominöser ,,man" den Zug und 1909 konnte mit den Heimbacher Wirten keine Einigung erzielt werden. Und im Jahr 1901 gab es überraschenderweise neben Prinz Johann (Wirz) sogar eine Prinzessin. Alles in allem zeugten die Fastnachtszüge davon, dass sich die Heimbacher und Weiser gern über die Obrigkeit lustig machten und politische Autoritäten verspotteten. Einige ausgewählte Beispiele:
Bewaffnet mit Holzgewehren wollten die Weiser am Fastnachtsdienstag, 6. Februar 1883 losziehen, um die Schlacht von Sedan nachzuspielen. Dafür brauchten sie allerdings die Genehmigung der Polizei. In ihrem Gesuch vom 3. Januar an den Bürgermeister in Engers bat die Karnevalsgeseflschaft um Erlaubnis für,einen Maskenzug durch die Kirchstraße von Weis nach Heimbach und zurück... Zum Schluss wird aufgeführt die Schlacht bei Sedan am so genannten Bitzengraben."
Dabei sollten Holzgewehre und von den militärisch ausgebildeten Mannschaften Schießwaffen benutzt werden. Des Weiteren beabsichtigten die Mitglieder der Karnevalsgesellschaft in den Wirtshäusern der Witwe von Julius Hoffmann und des Heinrich Billig in den Wochen bis Fastnacht jeweils zwei Sitzungen abzuhalten, um ,diejenigen Mannschaften, die nicht Soldat waren, richtig auszubilden". War diese Manöverübung nur ein Vorwand, um ihre Sitzungen abhalten zu dürfen? Die polizeiliche Erlaubnis durch den Bürgermeister jedenfalls war eine reine Formsache. Und ob am Bitzenbach ein bisschen Krieg gespielt oder das preußische Militär verspottet wurde, sei dahingestellt.
Voraussetzung für den Fastnachtszug war die behördliche Erlaubnis des Königlichen Amtsbürgermeisters von Engers. Dieser musste jedes Jahr gefragt werden und er konnte seine Erlaubnis auch verweigern, wenn es ,Vorfälle" gab, wie beispielsweise 1885. Da sah sich nänilich der Vorstand der Carnevalsgesellschaft von Heimbach veranlasst folgendes zu versichern:
daß von der Sache betreffs des Gemeinderaths, welcher mitgenommen werden sollte, worüber wir angeschuldigt wurden, nichts zum Vorschein kommen wird; bitten dagegen gehorsamst das königliche Bürgermeisteramt uns seiner strengen Controlle zu unterziehen.
Was man mit dem Gemeinderat im Fastnachtszug im Schilde geführt hatte, lässt sich nur erahnen. Offensichtlich waren die Heimbacher knapp an einem Verbot vorbeigeschrammt. Zwei Jahre später, 1887, wurde der Vorstand von Heimbach erneut darauf hingewiesen, dass "nichts gegen Sitte und Anstand vorkommt", andernfalls würde es nämlich keine Erlaubnis mehr geben.
1905
hatte der Heimbacher Zug bereits eine beachtliche Länge. Acht Wagen waren dabei, neben dem Komit&- und Prinzenwagen auch ein ,Prachtwagen Stadt Neuwied" sowie ein "Charakterwagen Das Eingemeindungsgebrüll". Lokales Geschehen wurde genauso karikiert wie die große Weltpolitik. Seltsame Vorkommnisse vom Dorf und seinen Bewohnern konnten in den spöttischen Texten der Karnevalszeitung nachgelesen werden oder wurden als Possen in kleinen Theaterstücken persifliert. 1907 wurde beispielsweise die Geschichte des Hauptmann von Köpenick vor der Heimbacher Schule aufgeführt. Zum Gegenstand des karnevalistischen Spotts wurde auch die Neuwieder Verkehrspolitik.
"Heimbachs Zukunft und Verkehr, oder Das Auto wollen wir nicht mehr" hieß es in der Fastnachtszeitung von 1908:

,
Der Wagen das war nämlich ein Automobil
und die Strecke nach dem Kirchspiel, die nahm man als Ziel,
denn man dachte diese Ortschaften sind gleich groß und reich,
die bringen Verkehr und Gelder zugleich...

Nun noch was anders über diese Automobil,
es beschädigt unsere Land- und Dorfstraßen recht viel.
Auch bei regberischem Wetter es die Häuser beschmiert,
wahrscheinlich hat es kein Anstand geliert.
"Mier stüre OOS net dran", sagten die Gecken aus Heimbach und meinten damit das Karnevalsverbot während der Besatzungszeit nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. 1922 hielten sie es ohne Fastnachtszug nicht mehr aus. Dabei waren sich die Heimbacher der politischen Lage dieser ersten Nachkriegsjahre durchaus bewusst. Sie wurde sogar in einem Lied bei der ersten Damensitzung thematisiert:
,Wir Narren sind die einz'gen Erben, die uns der Fasching aufrecht hielt denn vieles, vieles, ging in Scherben, als wir den großen Krieg verspielt. Wir leben heute allzumal, trotz Strafe feiert Karneval.
Prinz ,August der Starke" (Busch) übernahm die Macht. Das Problem mit dem wachsamen Auge des Gesetzes löste man auf karnevalistische Art und Weise: Die Gendarmen wurden mit einer List ins Prinzenpalais, die Wirtschaft Engel, gelockt und dort reichlich mit selbst- gebranntem Schnaps versorgt. Danach war es ein leichtes, die Gesetzeshüter einzusperren und loszumaschieren. Aus vielen Häusern strömten die Jecken herbei und schnell formierte sich ein Fastnachtszug mit mehreren Wagen. Es waren einfache, mit Tannengrün geschmückte Leiterwagen. Die Heimbacher wussten sehr wohl, dass sie etwas Verbotenes taten. ,Wir hatten zwar fast nichts zu Essen und kein Geld, aber Fastnacht feiern musste sein, meinte jedenfalls Franz Ley, der damals dabei war.
Allen Verboten zum Trotz ging 1922 in Heimbach ein Karnevalszug, höchstwahrscheinlich der einzige im gesamten Rheinland. Über dieses ungewöhnliche Ereignis aus einem kleinen widerspenstigen Dorf berichtete sogar die Neuwieder Zeitung:
,In Heimbach hatte man, trotzdem karnevalistische Veranstaltungen verboten waren, auf öffentlichen Straßen einen Fastnachtszug veranstaltet, bestehend aus mehreren Wagen, die durch die Straßen des Ortes sich bewegten, trotzdem sich dort ein größeres Landjäger-Aufgebot aufhielt."
Was nicht in der Zeitung stand, war der genaue Aufenthaltsort der Landjäger. Sie befanden sich zu der Zeit betrunken und eingesperrt im Prinzenpalais! So etwas konnte selbstver ständlich nicht ungestraft bleiben: Die Gesetzesüberschreitung hatte ein gerichtliches Nachspiel. Allerdings fielen die Strafen mit 30 bis 60 Reichsmark glimpflich aus.Doch in den folgenden Jahren war es mit den Fastnachtszügen erst mal vorbei. Fünf Jahre später durften in Köln und Mainz Züge stattfinden. Alle anderen Städte und Dörfer waren von dieser Sondererlaubnis explizit ausgenommen! Dies galt auch für die Karnevalsgesellschaft von Heimbach, die sich mit der Bitte um Genehmigung einer kleinen Rundfahrt an den Koblenzer Regierungspräsidenten wandten. Sie erhielten jedoch am 14. Januar 1927 eine Absage. Damit ließ man sich aber nicht abspeisen. Am 15. Februar fragte der Gewerbebund Heimbach an, ob man eine Kappenfahrt durchführen könne, um den Geschäftsbetrieb wieder in die Wege zu leiten? Der Gewerbebund Weis richtete zusammen mit der Weiser Karnevalsgesellschaft am gleichen Tag eine Anfrage an den Engerser Bürgermeister.
So musste sich dieser vier Wochen später erneut an den Landrat wenden, der das Gesuch an den Koblenzer Regierungspräsidenten weiterleitete.

,Gleichwohl bestehen Antragsteller darauf, dass über den Antrag entschieden wird. Sie bestehen darauf, dass wenigstens gestattet wird, eine Kappenfahrt zu veranstalten." Dagegen hätte selbst der Bürgermeister nichts einzuwenden, ,da es sich gerade bei den Bewohnern des Kirchspiels Heimbach und Weis um ein besonders geartetes Völkchen handelt, das bezüglich des Karnevals eigene Anschauungen hat, bis in solche Kreise hinein, die unbedingt sonst ernst zu nehmen sind."
Doch der Regierungspräsident ließ den Landrat wissen, dass es keine Ausnahmen für Heimbach und Weis gab; das in Berlin verhängte Verbot für Karnevalsveranstaltungen unter freiem Himmel blieb in Kraft!

Ähnlich war es nach dem Zweiten Weltkrieg. Wieder waren französische Besatzungstruppen am Rhein, die den Karneval verboten. 1947 durfte in Heimbach-Weis der erste Zug nach dem Krieg gehen; allerdings mit Einschränkungen: Gesichtsmasken waren verboten. Dumm war nur, dass zu einem Klapperstorchenkostüm natürlich ein Schnabel gehört und der konnte nur vor dem Gesicht angebracht werden. Als nun die französischen Soldaten diesen Klapperstorch sahen, gingen sie mit gezogenem Gewehr auf die Gestalt los. Sie wurde auf der Stelle verhaftet, zusammen mit der übrigen Fußgruppe: einer Krankenschwester, einer Hebamme und einem Arzt. Sie wurden zum Kommandanten gebracht und der gesamte Fastnachtszug wurde auf der Stelle aufgelöst. Doch beim französischen Kommandanten klärte sich die Angelegenheit schnell auf. Anstatt Strafe gab es eine Tafel Schokolade. Soviel Aufregung, nur weil eine Frau im Zug das gleiche Kostüm anzog, mit dem sie beim Maskenball den ersten Preis gewonnen hatte!
Dr. Hildegard Brog / Dr. Reinhard Lahr